Ein Interview: „Wo es ein Handicap gibt, muss es auch eine Lösung geben"
Christian Kulik jongliert viele Ämter und noch mehr Aufgaben. Er ist Schwerbehindertenvertreter bei Viessmann, engagiert sich in der Konzern-SBV und im Betriebsrat. Privat ist er Vater von zwei Töchtern und aktiv im Schützenverein tätig. Wir haben mit ihm über seine verschiedenen Aufgaben gesprochen und wie er sie alle unter einen Hut bekommt.

W.A.F.: Christian, lass uns mit einer Frage starten, die sich unsere Leser bestimmt genauso stellen wie ich. Wie bist du selbst zur SBV gekommen? Was hat dazu geführt, dass du dich da engagierst?
C.K.: Ich bin seit Geburt an Rollstuhlfahrer aufgrund einer Wirbelfehlstellung. Die Ursache kennt man bis heute nicht – ein medizinisches Wunder sozusagen. Von daher ist es für mich nicht besonders, behindert zu sein. Ich habe von Anfang an die Grundschule normal besucht und war vorher im Kindergarten. Nach dem Abi habe ich dann erstmal eine Ausbildung bei der Firma Viessmann gemacht und mich da auch schon in der JAV engagiert.
W.A.F.: Bist du nach deiner Ausbildung bei Viessmann geblieben?
C.K.: Nach der Ausbildung habe ich leider keinen freien Arbeitsplatz gefunden, da ich damals über Bedarf ausgebildet wurde. Ich habe dann verschiedenste Erfahrungen gemacht, leider auch viele negative im Bewerbungsprozess. Im Ergebnis habe ich dann einen Ausbilderschein gemacht und per Fernstudium Betriebswirt studiert, Fachrichtung Personal. Schließlich ergab sich die Möglichkeit wieder bei Viessmann zu arbeiten. Seit 2016 bin ich dort im Rechnungswesen tätig, obwohl ich lustigerweise damals in der Ausbildung gesagt habe, ich würde nie im Rechnungswesen arbeiten.
W.A.F.: Vielleicht hat das Universum etwas verkehrt verstanden?
C.K.: Ja, wahrscheinlich hat es den Satz nicht ganz zu Ende gehört. Auf jeden Fall bin ich dort seit 2017 Mitglied im Betriebsrat und seit 2022 auch gewählte SBV. Durch meine Situation als Rollstuhlfahrer habe ich die Erfahrung gemacht, dass wenn man so die SBV als Amt innehat, dass die Leute offener auf einen zukommen. Da ist die Hemmschwelle einfach geringer. Ja, so bin ich zur SBV gekommen. Ich habe ein Doppelmandat: einmal als Mitglied des Betriebsrats und einmal als SBV bei uns in unserer GmbH. Wir sind eine Shared Service GmbH bei uns, dort ist das Rechnungswesen angesiedelt. Seit Oktober 2024 bin ich zusätzlich noch erster Stellvertreter in unserer Konzern-SBV.
W.A.F.: Was zählst du bisher in deiner Tätigkeit als SBV zu deinen Erfolgen oder zu den positiven Dingen, die du oder ihr erreicht habt?
C.K.: Das ist ganz klar unsere Vernetzung untereinander, sowohl die verschiedenen Standorte untereinander als auch mit der Konzern-SBV. Wir bilden ein großes SBV-Team und treffen uns einmal im Monat. Wir updaten uns regelmäßig und die verschiedenen Standorte haben den gleichen Informationsstand. Wir müssen nicht jedes Mal das Rad neu erfinden. Natürlich sind wir hier auch noch nicht am Ende. Wir möchten in Zukunft den Wissensstand von einzelnen SBV-Kollegen innerhalb des Konzerns ermitteln, um dann Schwerpunkte zu identifizieren und Seminarbesuche gleichzeitig zu organisieren.
W.A.F.: Ich verstehe, Kommunikation ist super wichtig. Ihr bekommt auf diese Weise auch Feedback, wie die Dinge ausgegangen sind, die Ihr angestoßen habt. Mit welchen Gefühlen blickst du auf deine bisherige Amtszeit als SBV zurück?
C.K.: Sehr positiv, absolut. Auch wenn die Amtszeit ihrem Ende entgegen geht, haben wir uns noch ein bisschen was vorgenommen. Ich habe gerade mit meinen Kollegen ein W.A.F. Seminar zum Thema Inklusionsvereinbarung besucht. Eine solche Inklusionsvereinbarung abzuschließen ist unser Ziel für die verbleibende Amtszeit. Wir wollen auf den Arbeitgeber zugehen und das dann auch auf Konzernebene umsetzen. Das erste Feedback der Geschäftsführung dazu war schon sehr positiv.
W.A.F.: Wo siehst du abgesehen von eurem Vorhaben mit der Inklusionsvereinbarung im Moment die größten Chancen im Bereich der SBV-Arbeit für behinderte Menschen in Unternehmen? Und was ist der allgemeine Zukunftsausblick für dich? Was ist dir wichtig?
C.K.: Wichtig ist mir, dass die Kolleginnen und Kollegen etwas ihre persönliche Hemmschwelle verlieren und offen auf uns zukommen. So können wir ihnen im Rahmen unserer Möglichkeiten zur Seite stehen oder Infos geben. Das gilt auch für den Arbeitgeber. Wir wollen als verlässlicher Partner fungieren und für alle Betroffenen eine Lösung mit Mehrwert finden.
W.A.F.: Das Thema Öffentlichkeitsarbeit steht also für euch besonders im Fokus. Gibt es aus deiner Sicht auch Risiken, die sich durch die geänderte wirtschaftliche oder politische Situation für behinderte Menschen in Unternehmen ergeben könnten?
C.K.: Unsere Branche Heizungstechnik und Klimalösung ist ja aufgrund der aktuellen Situation schwer unter Zugzwang. Wir wissen nicht, in welche Richtung es geht. Ich werde weiterhin auftretende Konflikte auf der individuellen Seite lösen, auf der sie entstanden sind und nicht versuchen, Fragen zu generalisieren. Es dreht sich immer um die Frage des einzelnen Schicksals und wie die betroffene Person damit umgeht. Das ist die Stelle, an der ich auch am besten helfen kann.
W.A.F.: Wie findet ihr Mitstreiter für eure Ziele im Unternehmen?
C.K.: Das ist eine gute Frage, auf die ich eine positive Antwort habe. Vor drei Wochen hatte ich ein sehr gutes Gespräch mit meinen Geschäftsführern über die weitere finanzielle Planung, was Seminare und Veranstaltungen betrifft. Die wollten von mir eine grobe Planung haben, welche Veranstaltungen ich noch besuchen möchte und um welche Themen es gehen wird. Wie schon gesagt, geht es für uns um eine Inklusionsvereinbarung und auch um das Thema Betriebliches Eingliederungsmanagement. Auf beide Anliegen waren die Reaktionen durchweg positiv.
W.A.F.: Du selbst bist ja nun schon mit Doppelmandat ausgestattet, welche Tipps hast du denn ganz allgemein für die Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat?
C.K.: Ich persönlich hab die Erfahrung gemacht, dass es sehr wichtig ist, auf Augenhöhe miteinander zu sprechen. Es ist wichtig, seine Rechte zu kennen, nicht nur seine Pflichten. Viele Schwerbehindertenvertretungen wissen nicht, dass sie ein eigenständiges Gremium sind. Letztlich ist es auch wichtig, dass ein echter Austausch zwischen den Gremien Betriebsrat und SBV stattfindet.
W.A.F.: Welche Tipps kannst du für die Zusammenarbeit mit der Geschäftsführung geben?
C.K.: Transparenz und Offenheit sind meiner Meinung nach wichtig. Dass man auch die Dinge anspricht, die nicht gut laufen, aber eben auf eine respektvolle Art und Weise, und am Ende auch über die Dinge spricht, die schon gut laufen. Das motiviert und stärkt das Vertrauen in die gegenseitige Beziehung.
W.A.F.: Wie wir eingangs schon sagten, bist du nicht nur betrieblicher Interessenvertreter, sondern übst auch in deiner Freizeit noch Ehrenämter in der Freiwilligen Feuerwehr und im Schützenverein aus. Hut ab vor so viel Engagement. Gibt es auch Parallelen zwischen all den Ämtern, so dass du immer für alle profitierst, wenn du in einem etwas lernst?
C.K.: Tatsächlich habe ich in letzter Zeit meine Tätigkeit in der Feuerwehr etwas zurückgestellt und konzentriere mich jetzt mehr auf das Schützenwesen. Da bin ich seit über 20 Jahren aktiv, sowohl als aktiver Schütze wie auch Sport- und Jugendleiter. Auf Bezirksebene bin ich Referent Behindertensport bei uns im Schützenbezirk und stellvertretender Jugendleiter. Die Parallelen gibt es auf jeden Fall. Konkret sieht das für mich so aus, dass ich immer lösungsorientiert arbeite. Wo ein Handicap ist, muss es auch eine Lösung geben, egal ob im Sport oder bei der Arbeit.
W.A.F.: Wie motivierst du dich, wenn es mal wieder zu langsam geht, bei allem was du vorhast oder wenn etwas schiefläuft? Wie bleibst du da motiviert und am Ball?
C.K.: Indem ich in erster Linie versuche zu analysieren, warum es im Moment nicht funktioniert und dann suche ich nach der nächsten Option und probiere sie aus.
Oder ich hole mir auch mal eine Idee oder Hilfe von den Menschen um mich herum.
W.A.F.: Und wie entspannst du dich nach so viel Engagement?
C.K.: Auf jeden Fall mit meiner Familie. Ich habe zwei Töchter mit meiner Frau zusammen, die sind jetzt fünf und neun. In der gemeinsamen Zeit entspanne ich und tanke auf. Auch wenn es mal anstrengend wird oder wild, sie geben mir auf jeden Fall Energie.
W.A.F.: Welchen Gedanken möchtest du deinen Mitstreitern in der SBV mit auf den Weg geben?
C.K.: Mutig zu sein, entschlossen zu handeln. Lasst euch nicht entmutigen und bleibt dran an der Lösung!
W.A.F.: Danke, Christian, für diese starken Worte zum Schluss und das Mut machende Gespräch.