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Ein Interview: Barrieren entstehen im Kopf

5 Minuten Lesezeit
09.06.2026

Rund zehn Millionen Menschen mit anerkannter Behinderung leben in Deutschland – viele von ihnen sind berufstätig. Doch im Arbeitsalltag fühlen sich Betroffene häufig allein gelassen: Unsichtbare Einschränkungen werden übersehen, Unterstützung bleibt aus und wer offen spricht, riskiert Nachteile. Mit Mathias Mester gewinnt wir bei der W.A.F. einen neuen Botschafter für die Schwerbehindertenvertretung. Gemeinsames Ziel der Partnerschaft ist es, mehr Aufmerksamkeit für die Anliegen schwerbehinderter Beschäftigter zu schaffen, die Arbeit der SBV sichtbarer zu machen und Unternehmen dafür zu sensibilisieren, Inklusion nicht nur zu formulieren, sondern aktiv zu leben. Im Interview spricht der ehemalige Paralympics-Star über persönliche Erfahrungen, gesellschaftliche Vorurteile und darüber, warum das Thema wichtiger ist denn je.

Porträt von Mathias Mester

W.A.F.: Mathias, Du hast in Deiner Karriere viele Herausforderungen gemeistert. Was hat Dir persönlich am meisten geholfen, mit Hürden umzugehen?

M.M.: Ich bin schon immer mit sehr viel Humor durchs Leben gegangen. Es ist wichtig, über sich selbst lachen zu können – auch über die eigene Behinderung. Wenn man mit Leichtigkeit auf andere zugeht, baut man automatisch Berührungsängste ab. Viele wissen am Anfang nicht: Wie spreche ich jemanden an? Wie verhalte ich mich richtig? Wenn man dann locker bleibt, merkt man schnell: Wir sind eigentlich alle ganz normal.

W.A.F.: Wie kamst Du dazu, Botschafter für die Schwerbehindertenvertretung beim W.A.F. Institut zu werden?

M.M.: Als die Anfrage kam, habe ich mich sehr gefreut. Es ist eine wichtige Aufgabe. Das W.A.F. Institut unterstützt Schwerbehindertenvertretungen und damit auch die betroffenen Menschen selbst dabei, im Arbeitsleben nicht allein zu sein und passende Hilfe zu bekommen. Viele wissen gar nicht, welche Möglichkeiten es gibt. Gerade in Zeiten von Fachkräftemangel, gesellschaftlichem Wandel und einer steigenden Sensibilität für mentale Gesundheit braucht es mehr Aufmerksamkeit für Inklusion. Die Arbeitswelt wird vielfältiger. Und das ist gut so.

W.A.F.: Viele Unternehmen werben heute mit Inklusion. Wie erlebst Du die Realität?

M.M.: Da gibt es Unterschiede, was auf einer Website steht und was im Alltag wirklich passiert. Viele Unternehmen meinen es gut, aber es braucht Zeit und Erfahrung, um Inklusion wirklich zu leben. Problematisch wird es, wenn Unternehmen lieber eine Strafe zahlen würden, als sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen. Dabei gibt es heute viele Hilfen und Beratungsangebote.

W.A.F.: Du sprichst oft darüber, dass nicht jede Behinderung sichtbar ist. Was bedeutet das für den Arbeitsalltag?

M.M.: Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Es gibt viele Menschen, die nicht offen über ihre Einschränkung sprechen möchten oder können. Und dann entstehen schnell falsche Interpretationen: Jemand wirkt müde, langsamer oder zurückhaltender und wird direkt bewertet. Dabei steckt oft etwas ganz anderes dahinter. Deshalb sind Kommunikation und der respektvolle Umgang miteinander so entscheidend.

W.A.F.: Viele sind im Umgang mit Menschen mit Behinderung unsicher, obwohl sie es gut meinen. Woran liegt das aus Deiner Sicht?

M.M.: Oft aus Angst, etwas falsch zu machen. Dabei hilft meist etwas ganz Einfaches: normal und offen bleiben. Ich erinnere mich an eine Situation im Supermarkt. Jemand ging in die Hocke, um mit mir auf Augenhöhe zu sprechen. Dann bin ich eben auch in die Hocke gegangen. Am Ende haben wir beide darüber gelacht. Solche Momente zeigen: Es geht nicht um Perfektion, sondern um Natürlichkeit.

W.A.F.: Welche Rolle spielen Vorurteile im Berufsleben?

M.M.: Leider noch eine große. Menschen mit Behinderung werden oft unterschätzt. Ich habe das selbst im Sport erlebt, aber auch in meiner Ausbildung. Ich musste mir vieles erarbeiten und beweisen. Das war nicht immer leicht, aber am Ende zeigt Leistung mehr als jedes Vorurteil.

W.A.F.: Hast Du bereits selbst schlechte Erfahrungen im Arbeitsumfeld gemacht?

M.M.: In meiner ersten Ausbildung wurde vorgeschlagen, ich solle besser in eine Behindertenwerkstatt wechseln, obwohl ich einfach nur Unterstützung im Arbeitsalltag brauchte. Das war für mich ein völlig falsches Verständnis von Inklusion. Zum Glück hatte ich einen Chef, der klar gesagt hat: "Mathias bleibt hier und wir finden Lösungen." Und genau so wurde es dann auch gemacht. Dafür bin ich ihm heute noch dankbar.

W.A.F.: Was macht ein inklusives Arbeitsumfeld wirklich aus?

M.M.: Vor allem Teamwork. Wenn alle gemeinsam arbeiten und niemand ständig besonders hervorgehoben wird, entsteht Normalität. Inklusion funktioniert dann am besten, wenn sie nicht dauernd betont wird, sondern selbstverständlich ist.

W.A.F.: Wie wichtig sind Schwerbehindertenvertretungen (SBV) im Unternehmen?

M.M.: Sehr wichtig. Sie sind Ansprechpartner, Vertrauenspersonen und oft auch Schutzraum. Gerade für Menschen, die nicht offen über ihre Situation sprechen möchten, ist das entscheidend. Man weiß: Da ist jemand, der zuhört, unterstützt und Lösungen findet – vertraulich und professionell.

W.A.F.: Was können Unternehmen und Betriebsräte konkret tun, um Inklusion im Alltag zu verbessern?

M.M.: Nicht nur über Inklusion sprechen, sondern sie wirklich leben. Offenheit, Kommunikation und der Mut, Dinge einfach zu tun, sind entscheidend. Und vielleicht der wichtigste Punkt: Inklusion sollte kein Thema sein, über das man nur redet, sondern etwas, das selbstverständlich im Alltag passiert.

Zur Person: Mathias Mester (*1986) ist ehemaliger Para-Leichtathlet, mehrfacher Welt- und Europameister sowie Paralympics-Silbermedaillengewinner. Bekannt wurde er vor allem durch seine Erfolge im Speerwerfen, Kugelstoßen und Diskuswerfen. 2007 wurde er als Deutschlands Behindertensportler des Jahres ausgezeichnet. Ein breites Publikum erreichte Mester durch seine Teilnahme an der TV-Tanzshow „Let’s Dance“ 2022, bei der er den dritten Platz belegte. Heute nutzt er seine Bekanntheit als Speaker, Moderator und Botschafter, um Berührungsängste abzubauen und mehr Sichtbarkeit für Menschen mit Behinderung zu schaffen.

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